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Der Psychologe als notwendiger Helfer bei der Beurteilung von Personenschäden und als autonomer Dienstleister im Personenschadenmanagement
 Ass. jur. Hans-Josef Schwab[1] Dr. Christian Lüdke[2], Dipl.-Psychologin Karin Clemens[3]

 1.         Einführung

 Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat im Bereich der Schadenregulierung zunächst die berufliche[4] und später auch die medizinische[5] Rehabilitation Fuß gefasst. Sie nimmt heute im Rahmen des Personenschadenmanagements eine immer stärker[6] werdende und nicht wieder wegzudenkende Rolle ein. Auch wenn nach wie vor Risiken[7] gesehen werden, sind hierfür aufgeschlossene verantwortungsbewusste Rechtsanwälte und Haftpflichtversicherer in der Mehrzahl. Bietet doch allgemein anerkannt[8] im Vergleich zu den eingeschränkten Möglichkeiten in unserem Sozialversicherungssystem, die professionelle, privat[9] organisierte Rehabilitation auch ganz wesentliche Vorteile für die Geschädigten.

 Die umfassende Hilfe für eine möglichst schnelle und dauerhafte Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit der Unfallgeschädigten steht gemeinhin im Auftrag an der beruflichen und medizinischen Berater. Die ebenfalls wichtige psychologische Komponente nach Unfällen wurde zwar dabei schon früh angesprochen[10], aber noch nicht in ihrer Bedeutung hervorgehoben. Dies soll in diesem Beitrag geschehen.

 Darüber hinaus zeigt er den Bedarf an psychologischer Unterstützung des Unfallopfers auch in anderer Hinsicht, wenn es nicht nur vorrangig um die Rückkehr in die Arbeitswelt geht. Es werden Fallgestaltungen mit Einsatzmöglichkeiten sowie die Chancen und Risiken beim Einsatz von Psychologen bei der Regulierung von Personenschäden dargestellt.

2.         Fallgestaltungen

 Allein schon die Rechtsprechung hatte sich mit einer Reihe von Fallgestaltungen auseinanderzusetzen. Hier einige aktuelle Beispiele:

 Ein PKW-Fahrer stieß trotz Gurt bei einem Verkehrsunfall mit dem Kopf gegen den Türrahmen. Neben einer Schädelprellung und einem HWS-Schleudertrauma erhob man grob neurologisch einen unauffälligen Befund. Er wurde für fünf Tage arbeitsunfähig geschrieben. Später entwickelte sich im Rahmen einer psychischen Fehlverarbeitung eine Neurose. Der relativ geringe Schweregrad der Ursprungsverletzung war für den BGH Anlass genug, grundsätzlich eine Haftung zu bejahen, jedoch mit Einschnitten aufgrund der Billigkeit bei der Höhe des  Schmerzensgeldes und der möglichen sonstigen Entwicklung beim Verdienstausfallschaden[11]. Die psychische Labilität einer Person, die erst das Entstehen der Krankheit begünstigt, führt damit zu der Überlegung, ob der Schaden nicht im Rahmen überholender Kausalität früher oder später auch so eingetreten wäre[12].

 In einem weiteren Fall ging es um eine traumatisch konditionierte Phobie nach einer HWS-Distorsion. Eine Erzieherin behauptete arbeitsunfähig zu sein und brauche Unterstützung bei der Haushaltsführung. Auch hier bejaht der BGH die notwendige Erheblichkeit der Verletzung und den Zusammenhang mit dem Unfallereignis[13].

 Ein Lokomotivführer mit einem Personenzug stößt mit einem Kleinlaster an einem unbeschrankten Bahnübergang zusammen. Der Lokführer erleidet einen Schock und wird infolge eines chronischen psycho-physischen Erschöpfungszustandes mit Angstzuständen und wegen psychosomatischer Beschwerden pensioniert. Es war sein achter Betriebsunfall[14].

 Ein Schadensersatzanspruch aufgrund Verkehrsunfalls ist ausgeschlossen, wenn die neurotische Fehlhaltung des Geschädigten in einem groben Missverhältnis zum schädigenden Ereignis steht, also Ausdruck einer offensichtlich unangemessenen Erlebnisverarbeitung ist. Die Beweislast dafür, dass sich durch den Unfall nur das allgemeine Lebensrisiko des Geschädigten verwirklicht hat, der sich in eine Neurose flüchtet, trägt der Schädiger[15].

 Der Kläger erlitt bei einem Verkehrsunfall eine Schädelprellung und eine HWS-Distorsion und leidet seit Jahren an einem somatoformen Schmerzzustand. Das Gericht hatte eine nicht ersatzfähige Begehrensneurose im Gegensatz zu einer dem Schädiger zuzurechnenden Konversionsneurose abzugrenzen und bei der Bemessung des Schmerzensgeldes die psychische Veranlagung zu berücksichtigen[16].

 Oder aus der Literatur:                      

Als technische Verbesserung und Lebensretter gepriesen, aber in seinen Auswirkungen möglicherweise nicht ganz ohne Nebenwirkungen ist der Airbag. Insbesondere der Tinnitus nach HWS-Distorsion oder nach Airbag-Detonation problematisiert. Eine psychologische Therapie kann Erleichterung bringen[17].

 Die Beispiele  zeigen, dass Psychologen bei der Aufklärung von Sachverhalten und Zusammenhängen behilflich sein können. Zudem gibt es konkrete Situationen, in denen der Versicherer durch die Beiseitestellung eines Psychologen die familiäre und persönliche Situation der Geschädigten von vornherein verbessern kann, um drohenden Langzeitschäden zu begegnen.

 Wie oben aktuell beim Tinnitus, kann der Psychologe auch in vielen Fällen von HWS-Verletzungen[18] helfen.

In Todesfällen können nahe Angehörige betroffen sein. Wir kennen die Schmerzensgeldrechtsprechung zu den Schockschäden. 

 Großereignisse, wie Bahn- oder Busunfälle, bei denen gleich mehrere Personen einer Reisegruppe verletzt oder getötet werden, aber auch bei Bränden in Kaufhäusern und Unfällen in Freizeitparks (Achterbahn) bieten Veranlassung, sofort psychologische Betreuung vor Ort zu organisieren.

Ähnliche, aber dennoch häufigere Extremsituationen ergeben sich bei Familienunglücken mit dem Auto.   

Kinder erleiden oft noch keinen Verdienstausfallschaden. Ihre Bedürfnisse werden daher leider nicht selten in einem eingeschränkten Licht gesehen. Gerade Kinder merken jedoch an den Reaktionen der Spielkameraden und der häufig brutal anmutenden Direktheit, dass sie durch den Unfall Defizite erfahren haben, die ihnen auch psychisch zu schaffen machen. Ein Kind, das deswegen nicht mehr gern in die Schule geht, Ängste entwickelt und zum Außenseiter wird, ist auch nicht mehr so unbeschwert leistungsfähig. Führt dies zu einem Schulversagen, sind auch materielle Auswirkungen auf Dauer gegeben. 

Für den Schadensachbearbeiter als Schadenmanager ist es wichtig, die Fallkonstellationen zu erkennen, in denen möglicherweise ein Bedarf an psychologischer Betreuung erforderlich wird. Auch der Rechtsanwalt wird bei seinem direkten Kontakt zur Mandantschaft spüren, ob der „Fall“ wie gewöhnlich abzuhandeln oder sorgsamer wegen entsprechender Probleme bearbeitet werden muss. Hier haben sich Rechtsanwalt und Schadenregulierer zu vergegenwärtigen, dass qualifizierte psychologische Betreuung nicht nur sie persönlich von zusätzlichen Arbeiten entlasten kann, sondern gerade dem Geschädigten in schwerer Zeit eine große Hilfe zukommt.       

3.         Was kann eine psychologische Betreuung leisten?  

Um die Leistungsmöglichkeiten einer psychologischen Betreuung nach Schadensereignissen zu beleuchten ist es sinnvoll, vorab den psychischen Prozess einer Traumatisierung zu erläutern:  

Unfälle, Gewalttaten, lebensbedrohliche Erkrankungen, Katastrophen etc. können prinzipiell neben körperlichen Verletzungen auch seelische Verletzungen, ein Psychotrauma[19], verursachen. Nicht das traumatische Ereignis allein bewirkt die Verletzung, sondern das traumatische Ereignis (extern) und der dadurch ausgelöste psychische Prozess (intern).  Ein psychisches Trauma ist somit auch nicht etwas, das mit dem traumatischen Ereignis an sich (z. B. Überfall, Unfall) beendet ist, sondern ein prozesshafter Vorgang, der sich über das traumatische Ereignis hinaus erstreckt.

 3.1. Das Verlaufsmodell der psychischen Traumatisierung:

Der Verlauf psychischer Traumatisierung beinhaltet drei Phasen:

 3.1.1.  Traumatische Situation: Damit sind das traumatische Ereignis selbst und die Zeit kurz danach gemeint (Schockphase).

Die prinzipielle Unmöglichkeit, eine traumatische Situation im Moment des Geschehens adäquat zu verarbeiten, bedingt die Notwendigkeit einer nachfolgenden Verarbeitung. 

3.1.2.  Posttraumatische Reaktion: In der Phase der traumatischen Reaktion versucht das Individuum, sich nach dem Abklingen des Schocks der traumatischen Erfahrung zu stellen und beginnt, sie zu verarbeiten (Einwirkungsphase).

Am Ende der Phase der traumatischen Reaktion steht entweder die gelingende Verarbeitung mit Übergang in die Erholungsphase oder die misslingende Verarbeitung mit Übergang in einen chronifizierten traumatischen Prozess. 

3.1.3.  Posttraumatischer Prozess bzw. Erholung: Bei Erholung gelingt es dem

Individuum nach und nach, die gemachte traumatische Erfahrung zu bewältigen und zu integrieren. Chronifizierung liegt dann vor, wenn nach einer angemessenen Verarbeitungszeit es dem Individuum nicht gelungen ist, die gemachten Erfahrungen zu bewältigen und in den eigenen Erfahrungskontext zu integrieren. Chronifizierungen können zu einem Vollbild eines chronischen psychotraumatischen Belastungssyndroms oder zu einer psychotraumatischen Belastungsstörung führen.  

Jedes Traumaopfer entwickelt unmittelbar nach dem Ereignis posttraumatische Belastungsreaktionen (also Symptome), aber nicht jedes Traumaopfer entwickelt posttraumatische Langzeitfolgen wie eine PTBS.

Eine effektive psychologische Betreuung muss sich sinnvollerweise an diesen Verlauf orientieren:

3.2.Die psychologische Versorgungskette: 

3.2.1. Psychologische Erste-Hilfe vor Ort

In den meisten Fällen nach traumatischen Ereignissen sind Polizei, Rettungsdienst und/oder Feuerwehr die ersten, die mit den Betroffenen in Kontakt kommen. Zu diesem Zeitpunkt – unmittelbar nach dem Ereignis – befinden sich die Betroffenen im Schockzustand.

Die psychologische Erste Hilfe muss dementsprechend  hauptsächlich auf Beruhigung der Betroffenen zur Linderung des ersten Schocks abzielen, zum Beispiel durch Ansprechen, nicht alleine lassen, wenn möglich Distanzierung (Wegbringen) vom Tat- oder Unfallort, Begleitung nach Hause oder zur Zeugenvernehmung etc. Zu frühe invasive bzw. erlebnisverstärkende Interventionen (z.B. Konfrontation) können zu diesem Zeitpunkt schädlich sein. Aber auch Hilflosigkeit und Erschütterung auf Seiten der Helfer kann die Betroffenen noch weiter verstören. 

Psychologische Erste-Hilfe als Erstbetreuung am Ort umfasst folgende Aspekte:

-        Beruhigung des Betroffenen,
-        Vermittlung von Sicherheit
-        Transparenz von eingeleiteten Maßnahmen
-        Aktives Zuhören
-        Wissen um weitere psychologische Hilfsmöglichkeiten.

 Ziel: der aufgeklärte und aktive Patient.

 Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr sollten dementsprechend geschult sein, um unmittelbar nach dem traumatischen Ereignis eine optimale psychologische Versorgung der Opfer zu gewährleisten. Das betrifft auch Hausärzte, Krankenhäuser etc., die unmittelbar nach dem Ereignis mit in die Versorgung einbezogen werden. Wichtig ist auch das Wissen um weitere psychologische Hilfsmöglichkeiten wie die psychologische Akutintervention und ggf. Vermittlung von Kontakten, um eine notwendige weitere psychologische Versorgung nicht zu verzögern. 

Die psychologische Erste-Hilfe muss aber nicht unbedingt von speziell ausgebildetem Fachpersonal durchgeführt werden. Mit einem minimalen Grundwissen über Psychotrauma (insbesondere Belastungsreaktionen, Verlauf und Folgen) und einfachen „Beruhigungstechniken“ kann jeder als „Laienhelfer“ effektiv die psychologische Erste-Hilfe gewährleisten. Das betrifft Kollegen, Vorgesetzte, Tat- oder Unfallzeugen u. a.. Auch hier kann mit einer grundlegenden Schulung z. B. von betrieblichen Ersthelfern ein effektives psychologisches Erste-Hilfe-Netzwerk aufgebaut werden.

3.2.2. Psychologische Akutintervention nach traumatischen Ereignissen

Eine psychologische Akutintervention wird optimal nach Abklingen des ersten Schocks durchgeführt. Sie umfasst ein Gesamtpaket von Maßnahmen:

-        Psychoedukation (psychotraumatologische Informierung und Aufklärung des Betroffenen),
-        Symptomspezifische akute Stabilisierung (Distanzierung, Beruhigung, Ressourcenaktivierung)
-        Risikoeinschätzung (Prognose von Negativfolgen mit ggf. unverzüglicher Vermittlung in ambulanter oder stationärer Therapie) und
-        Nachsorge (individuelle weitere Betreuung innerhalb des natürlichen Heilverlaufes).

 Psychologische Akutintervention ist kein Äquivalent zur psychotherapeutischen Traumatherapie! Hauptsächliche Ziele der psychologischen Akutintervention sind die Unterstützung der Selbstheilungskräfte der Traumaopfer sowie die Einschätzung des Risikos für negative Langzeitfolgen. Bei hohem Risiko müssen die Betroffenen unverzüglich in ambulanter oder stationärer Therapie vermittelt werden, um einen Chronifizierungsprozess zu verhindern. Das setzt wieder eine enge Kooperation und Vernetzung mit adäquaten psychotherapeutischen Experten sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich voraus. Auch die Kooperation mit Hausärzten oder anderen in die Versorgung der Betroffenen miteinbezogenen Fachleuten ist häufig vonnöten, um optimale Rahmenbedingungen für den natürlichen Selbstheilungsverlauf zu gewährleisten.

 Für psychologische Akutinterventionen sind umfassende psychotraumatologische Kenntnisse unabdingbar und müssen dementsprechend von psychotraumatologisch spezialisierten Diplom-Psychologen oder Ärzten durchgeführt werden.

 3.2.3. Psychotraumatologische Behandlung, Traumatherapie

Betroffene mit einem hohen Risiko für negative Langzeitfolgen bzw. mit diagnostizierter posttraumatischen Belastungsstörung (nach 4 Wochen posttrauma!) müssen traumatherapeutisch behandelt werden.

Wissenschaftlich gut überprüfte traumatherapeutische Konzepte liegen vor[20]. Und es gibt mittlerweile stationäre Kliniken, die eine speziell traumatherapeutische Behandlung anbieten, sowie eine zunehmende Zahl von ambulanten Psychotherapeuten, die speziell traumatherapeutisch ausgebildet sind (auch wenn die ambulanten und stationären, traumatherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten dem Bedarf entsprechend noch nicht ausreichen).

Auch im traumatherapeutischen Behandlungsbereich muss eng mit den anderen Helfern in der Versorgungskette zusammengearbeitet werden, um unnötig lange Wartezeiten bzw. um den (weiteren) Chronifizierungsprozess zu vermeiden. Aber auch eine enge Zusammenarbeit zwischen den ambulanten und stationären Fachkräften ist erforderlich, z. B. wenn nach einer stationären Behandlung eine anschließende ambulante Therapie indiziert ist (aber auch der umgekehrte Verlauf kommt vor!).

Auch das Wissen um Möglichkeiten von psychologischer Rehabilitation ist wichtig, wenn diese im Rahmen einer ambulanten Therapie nicht geleistet werden können oder sollen. 

3.2.4. Psychologische Rehabilitation nach traumatischen Ereignissen

 Insbesondere bei Betroffenen, die durch das traumatische Ereignis schwerwiegende Verletzungen erlitten haben, muss neben der vorrangigen medizinischen Rehabilitation auch eine psychologische Rehabilitation gewährleistet werden, um nicht nur physisch sondern auch psychisch eine Gesundung zu erzielen. Nicht selten findet sich nach einer stationären Behandlung kein adäquater ambulanter Behandlungsplatz in räumlicher Nähe (besonders in ländlichen Gebieten). Auch hier kann eine organisierte psychologische Rehabilitation erfolgreich eingesetzt werden. Eine psychologische Rehabilitation umfasst ein sehr breites Spektrum von Maßnahmen. Generell sollen optimale Rahmenbedingungen zur Bewältigung des traumatischen Ereignisses hergestellt und bis zum Rehabilitationsende aufrechterhalten werden.  Das kann über fortlaufende persönliche Gespräche mit den Betroffenen aber auch über weitere Gespräche mit Angehörigen, Kostenträgern, mit Ärzten, Therapeuten und Kliniken, mit Anwälten und Arbeitgebern etc. erreicht werden.

Die notwendige enge Zusammenarbeit und Vernetzung mit allen Fachkräften, die an der Rehabilitation beteiligt sind, ist offensichtlich.

Grundsätzlich muss eine psychologische Rehabilitation nach traumatischen Ereignissen folgende Bestandteile haben:

-        psychotraumatologisch fokussierte Beratung und Diagnostik
-        ggf. fortlaufende psychologische Betreuung im weiteren Rehabilitationsverlauf bis hin zur Wiedereingliederung in den Arbeitsbereich

Die psychologische Rehabilitation kann sich dabei nicht auf ein starres, vollstrukturiertes Maßnahmenkonzept beziehen, sondern muss sich an den individuellen Ressourcen und dem individuellen Heilverlauf des Betroffenen orientieren.

Das setzt aber umfassende und tiefe Kenntnisse in Psychotraumatologie und psychologischer Diagnostik voraus. Darüber hinaus ist auch ein hohes Maß an Flexibilität und Ideenreichtum erforderlich, um bei den Betroffenen innerhalb dessen individuellen Bedingungen und Gegebenheiten möglichst optimale Rahmenbedingungen zur Bewältigung der traumatischen Ereignisse zu erreichen.

 3.3. Exkurs: Die Posttraumatische Belastungsstörung

 Unmittelbar nach einem traumatischen Ereignis sind akute Belastungsreaktionen für die Betroffenen zwar sehr belastend, aber im Rahmen des natürlichen Selbstheilungsverlaufes als normal anzusehen. Sie klingen in der Regel in den folgenden 2-4 Wochen ab. Nur bei durchschnittlich ein Drittel der Traumaopfer kann sich als Folgestörung eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln, die Monate und Jahre andauern und in eine andauernde Persönlichkeitsänderung führen kann.  In den beiden gängigsten Klassifikationssystemen, ICD-10 (Weltgesundheitsorganisation, 1994) und DSM-IV (American Psychiatric Association, 1994), wird die posttraumatische Belastungsstörung[21] wie folgt beschrieben: 

Voraussetzung für die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) ist das Erlebnis eines Ereignisses von außergewöhnlicher Bedrohung und mit katastrophalem Ausmaß und das Vorhandensein einer Minimalanzahl spezifischer Symptome. Zu den spezifischen Symptomen der (PTBS) zählen folgende drei Symptomgruppen, die als typische Symptomtrias bezeichnet werden[22]

-         Intrusionen (sich aufdrängende Nachhallerinnerungen von dem Ereignis)
-         Vermeidung (Vermeidung von z. B. Situationen, Orten oder Menschen, die mit dem Ereignis in Verbindung gebracht werden)
-         Hyperarousal (Übererregung z. B. in Form von Schlafstörungen,        Schreckhaftigkeit).

 Die Symptome müssen länger als 4 Wochen andauern. Die unmittelbar nach dem traumatischen Ereignis auftretenden psychischen Folgen werden als akute Belastungsreaktion (ICD-10: F 43.0) bzw. akute Belastungsstörung (DSM-IV: 308.3) beschrieben.

 Die Wahrscheinlichkeit einmal im Laufe seines Lebens (Lebenszeitprävalenz) eine PTBS zu entwickeln ist stark abhängig von der Wahrscheinlichkeit, ein Trauma zu erleben. Internationale Studien geben eine Lebenszeitprävalenz von 1%-7% an.

 Ob eine PTBS auftritt, ist auch abhängig von der Art des erlebten Traumas:

       ca. 15 Prozent bei schweren Erkrankungen (z.B. Krebs)
       ca. 20 Prozent bei Kriegs-, Gefangenschafts- und Unfallopfern
       ca. 25 Prozent bei Gewaltverbrechen
       ca. 50 Prozent nach Vergewaltigung und sexuellem Missbrauch
 
Darüber hinaus gibt es spezifische Risiko- und Schutzfaktoren, die das Risiko zur Entwicklung einer PTBS erhöhen bzw. mindern. Wesentliche Risikofaktoren sind:
 
  • Vortraumatisierungen
  • Nachfolgende zusätzliche Belastungen im beruflichen und/oder         privaten      Umfeld
  • Nachfolgende traumatische Ereignisse

 Wesentliche Schutzfaktoren sind:

  • -         ein verständiges und unterstützendes privates und berufliches Umfeld

  • -         eine generelle Zufriedenheit mit der beruflichen und privaten Situation.

 

Eine einmal entwickelte PTBS muss fachgerecht behandelt werden. Das Leiden der Betroffenen ist hoch. Darüber hinaus entstehen auch enorme Kosten für Arbeitsausfälle, Krankheitsbehandlungen, Arbeits- oder Berufswechsel oder gar Arbeitsunfähigkeit.

 Eine effektive Versorgung von Trauma- bzw. Unfallopfern kann nicht bei der medizinischen Rehabilitation stehen bleiben. Betroffene mit PTBS oder mit einem hohen Risiko für eine PTBS müssen unverzüglich in fachgerechte Behandlung vermittelt werden. Jeder weitere zeitliche Aufschub bedeutete dann nur eine Unterstützung der Chronifizierung [23].

 4.       Das Leistungsspektrum psychologischer Betreuung nach traumatischen Ereignissen im Überblick

 

Zeit nach

traumatischem Ereignis

optimale psychologische Versorgungskette

Qualifikation des Durchführenden

direkt nach dem Ereignis

 

„Psychologische Erste Hilfe“:

     Beruhigung der Betroffenen

     Vermittlung von Sicherheit

     Entfernung vom Ort des Geschehens

     Transparenz von eingeleiteten Maßnahmen

spezifisch geschulte Laienhelfer vor Ort

Wenige Tage bis zu vier Wochen

(optimal nach Abklingen des ersten Schocks)

Akutintervention:

     Psychoedukation

     Stabilisierung

     Risikoeinschätzung, ggf. unverzügliche Vermittlung in fachgerechte Psychotherapie

     Nachsorge

psychotraumatologisch weitergebildete Diplom-Psychologen

vier Wochen und mehr

Rehabilitation

     psychotraumatologische Diagnostik, Beratung und Behandlungsempfehlung, ggf. unverzügliche Vermittlung in fachgerechte Psychotherapie

     psychologische Betreuung bis zur Wiedereingliederung in den Arbeitsbereich

psychotraumatologisch weitergebildete Diplom-Psychologen

Bei einer optimalen psychologischen Versorgungskette für Opfer von traumatischen Ereignissen (siehe Abbildung) spielt die Zeit eine wesentliche Rolle: Innerhalb der ersten vier Wochen nach einem traumatischen Ereignis ist eine Posttraumatische Belastungsreaktion nicht diagnostizierbar, dennoch spielen geeignete Interventionen innerhalb dieser ersten vier Wochen eine entscheidende Rolle für einen erfolgreichen Heilverlauf. Dazu zählt eine psychologische Erste Hilfe, die durch geschulte Kollegen oder Personen aus dem Umfeld der Opfer durchgeführt wird und auf Beruhigung und Vermittlung von Sicherheit abzielt. Die Psychologische Akutintervention zielt nach Abklingen des ersten Schocks einerseits auf die Stabilisierung der Opfer durch Information und Beratung ab, andererseits müssen Risikopersonen in Bezug auf die Entwicklung einer PTBS identifiziert und frühzeitig einer geeigneten Heilbehandlung zugeführt werden.

Die Psychologische Rehabilitation begleitet als Ergänzung zur medizinischen und beruflichen Rehabilitation die Opfer schwerer Unfälle bis zur Wiedereingliederung in das Berufsleben. Gerade bei Betroffenen, die schwere körperliche Verletzungen erlitten haben, kann aufgrund der vorrangigen medizinischen Versorgung häufig erst mehrere Wochen nach dem Ereignis psychologisch interveniert werden.

Die psychologische Betreuung nach traumatischen Ereignissen ist kein Äquivalent für Psychotherapie, sondern bezieht sie ausdrücklich mit ein: Personen mit einem hohen Risiko für psychische Langzeitfolgen bzw. Personen mit diagnostizierter PTBS müssen unverzüglich in psychotherapeutische Behandlung. Nur so kann eine umfassende Gesundung der Betroffenen mit Wiedereingliederung in den Arbeitsbereich erreicht werden.

5.         Mitwirkungspflicht des Verletzten?

Eine Mitwirkungspflicht des Verletzten im Rahmen der sonst im Schadensersatzrecht geltenden Schadenminderungspflicht kann nicht ernsthaft gefordert werden. Was schon in der beruflichen Rehabilitation gilt, hat auch hier in noch schärferer Form zu gelten. Es darf durch den Versicherer keine Therapie auf finanziellem Druck hin geben. Der Geschädigte muss in seiner Entscheidung völlig frei bleiben, gibt er doch gegenüber dem Psychologen viel von seinem Innersten preis. Dies ist und bleibt seine Privatsache.

Es wäre zudem unklug von einem Versicherer mit „Zwang“ zu arbeiten, da dieser kaum der Sache hilfreich sein kann. Aus psychologischer Sicht sind Maßnahmen entgegen dem Einverständnis des Geschädigten wenig Erfolg versprechend. Wie in der Medizin basiert auch der Gesundungserfolg im psychologischen Bereich auf Compliance, also der stabilen, kooperativen Zusammenarbeit zwischen Psychologe/Psychotherapeut und Patient.

 6.         Anforderungen an den Einsatz der Psychologen

 Voraussetzung für ein gutes Gelingen und eine breite Akzeptanz[24] bei allen Beteiligten und insbesondere beim Unfallgeschädigten ist es, die Empfehlungen des Arbeitskreises II des 38. Verkehrsgerichtstages[25] mit Leben zu erfüllen.

Der Arbeitskreis „Schadenmanagement beim Personenschaden“ empfahl die Einschaltung eines privaten Rehabilitationsmanagements in geeigneten Fällen auf freiwilliger Basis. Dabei sollten zum Schutz des Verletzten und zur Sicherung seines Rechts auf Selbstbestimmung folgende Grundsätze beachtet werden:

 1.       Der beauftragte Rehabilitationsdienst muss vom Versicherer personell und         organisatorisch unabhängig und in der Bearbeitung weisungsfrei sein.

2.               Die vom Rehabilitationsdienst vom Verletzten erhobenen Daten dürfen nur           zum Zwecke der Rehabilitation weitergegeben werden.

3.               Zur Sicherung der Qualität, der Objektivität und Wahrung der Unabhängigkeit           des Rehabilitationsdienstes wird die Errichtung eines Beirates oder einer           vergleichbaren Einrichtung empfohlen. Dieser soll aus mindestens drei           Personen aus den Bereichen Medizin, Recht und Arbeits-/Sozialwesen           bestehen.

 

Was insgesamt für das Rehamanagement gilt, gilt für den sehr sensiblen Bereich der Psychologie im Besonderen. Eine konsequente fachliche Fortbildung der Mitarbeiter, als auch eine nachhaltige Kontrolle in Bezug auf die selbst gesetzten Spielregeln ist dabei so wünschenswert, wie unverzichtbar[26].

  7.         Fazit

 Es ist unumstritten, dass psychische Folgeschäden nach traumatischen Ereignissen die Gesundheit und nicht zuletzt die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Die dabei anfallenden Kosten bzgl. Arbeitsausfallzeiten, Heilbehandlungen, Arbeitsunfähigkeit, Frühberentungen etc. sind hoch. Bei den Frühberentungsdiagnosen stehen derzeit die psychischen und Verhaltensstörungen an erster Stelle [27].

Der Miteinbezug von Psychologen zur Beurteilung von Personenschäden und zur Unterstützung des Personenschadenmanagements kann dabei effektiv zur Rehabilitation des Geschädigten beitragen. Und vor allem bietet er dem Geschädigten Hilfe in der belastenden Zeit der Genesung und Rehabilitation.

Für den Rechtsanwalt des Geschädigten als auch den Personenschadenmanager[28] gilt es, so früh wie möglich – also innerhalb der ersten vier Wochen – die optimale psychologische Versorgungskette sicherzustellen. Wichtig ist daher auch der sehr zeitnahe telefonische oder persönliche Kontakt von Rechtsanwalt und Versicherungsmitarbeiter untereinander und zum Geschädigten selbst. Lange Schwebezustände bei der Haftungsbeurteilung und unzureichende Vorschusszahlungen sind zu vermeiden, da sie dem Geschädigten gerade keine Sicherheit geben, sondern die Zukunft im Ungewissen lassen. Zur Klärung des konkreten Risikos und zur Behandlung einer bereits eingetretenen PTBS ist heute der Einsatz von psychotraumatologisch spezialisierten Diplom-Psychologen unabdingbar.

     


[1] Schadenregulierer für Kfz-Haftpflichtgroßschäden bei der R+V Allgemeine Versicherung AG, Wiesbaden.
[2] Geschäftsführer der HumanProtect Consulting GmbH, Köln.
[3] stellv. Geschäftsführerin der HumanProtect Consulting GmbH, Köln.
[4] Tille/Budel, Berufliche Rehabilitation von Schwerstverletzten, ZfS 1998, 321 ff.
[5] Budel/Rischar/Tille, Rehabilitationsmanagement der Haftpflichtversicherer – Ein Instrument zur sachgerechten Regulierung von Personenschäden, Himmelreich (Hrsg.), Jahrbuch Verkehrsrecht 2000, 332.
[6] Himmelreich/Halm/Bücken, Kfz-Schadensregulierung, RN 5256.
[7] Steffen, Schadenmanagement bei Personenschäden  - Risiken -, VersR 2000, 793 ff.
[8] Budel/Buschbell, Neue Wege bei der Rehabilitation Schwerverletzter, VersR 1999, 158 (160); Maier-Lenz/Rischar, Handlungsbedarf für die Rehabilitation Behinderter – Überlegungen für eine Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Haftpflichtversichern und SVT -, VersR 2000, 32 ff.; Höfle, Schadenmanagement beim Personenschaden, ZfS 2001, 197 (198); Remsperger, Privates Rehamanagement für schwerstverletzte Unfallopfer, PVR 2002, 322 f.
[9] ausführlich zur Rechtsstellung und den Rechtsbeziehungen der privaten Rehagesellschaften siehe Remsperger, Privates Rehamanagement für schwerverletzte Unfallopfer, PVR 2002, 322 ff.
[10] Echterhoff, Der Schock nach dem Crash – die auf der Strecke bleiben. Psychologische Hilfe nach Unfällen, Himmelreich (Hrsg.), Jahrbuch Verkehrsrecht 2000, 335 ff.
[11] BGH NZV 1998, 65 ff. = VersR 1998, 201= Himmelreich (Hrsg.),Jahrbuch Verkehrsrecht 1999, 92 ff.; siehe hierzu auch Halm in Jahrbuch Verkehrsrecht 1999, 19f. und 2000, 10.
[12] BGHZ 132, 341 = NZV 1996, 353 = VersR 1998, 990; Küppersbusch, Ersatzansprüche bei Personenschäden, 8. Auflage 2004, RN 225; Himmelreich/Halm/Bücken, Kfz-Schadensregulierung, RN 5285.
[13] BGH NZV 1998, 110 = VersR 1998, 200.
[14] OLG Hamm, NZV 2002, 36.
[15] KG Berlin, DAR 2002, 211 (nur Leitsatz).
[16] Urteilsbesprechung von Jaeger, OLG Schleswig, Urteil vom 19.12.2002 - 7 U 163/01, SVR 2004, 66 .
[17] Hugemann, Der Tinnitus als Unfallfolge: Physischer oder psychischer Schaden? – Parallelen zur HWS-Rechtsprechung, NZV 2003, 406 (409).
[18] zum HWS-Schleudertrauma Himmelreich/Halm/Bücken, Kfz-Schadensregulierung, RN 5299 ff. und Halm, Checkliste HWS, PVR 2002, 212 ff. sowie Euler/Kreuter-Lange/Leyer-Weber in Halm/Engelbrecht/Krahe, Handbuch des Fachanwaltes Versicherungsrecht, S. 1413 f.
[19] Trauma, griechisch = Wunde.
[20] s. a. Lüdke & Clemens (Hg) (2004): Vernetzte Opferhilfe, EHP, Bergisch-Gladbach; Maercker (2003): Therapie der posttraumatischen Belastungsstörung. Springer-Verlag.
[21] ICD-10: F 43.1 und DSM-IV: 308.3.
[22] s. a. Lüdke & Clemens, 2003: Kein Trauma muss für immer sein, EHP, Bergisch Gladbach. 
[23] s. a. Lüdke & Clemens (Hg.) (2004): Vernetzte Opferhilfe. EHP, Bergisch-Gladbach.
[24] Beispielsfall aus der beruflichen Rehabilitation: Schwab, Lohn der Arbeit – Rehamanagement in der Praxis, PVR 2002, 356.
[25] Veröffentlichung der auf dem 38. Verkehrsgerichtstag m 27. und 28. Januar 2000 in Goslar gehaltenen Referate und erarbeiteten Empfehlungen, Seite 8 sowie 65 ff.
[26] Steffen, Schadenmanagement bei Personenschäden – Risiken -, VersR 2000, 793 (797); Höfle, Schadenmanagement beim Personenschaden, ZfS 2001, 197 (202).
[27] Publikation des Landesinstituts für den Öffentlichen Gesundheitsdienst NRW (LÖGD), 2004, www.psychotherapeutenkammer-nrw.de.
[28] nicht lediglich Schadenregulierer.

 

 


Stand: 15. April 2009