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Personenschadenmanagement

 

 

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Personenschadenmanagement der Haftpflichtversicherer
 
Detlef Schröder
 
Seit mehr als 10 Jahren haben Haftpflichtversicherer im deutschen Markt für sich erkannt, dass mittlere und große Personenschäden proaktiv reguliert werden müssen, wenn man den Geschädigten in der Nachunfallsituation unterstützen und gleichzeitig als Versicherer sein Kostenmanagement im Griff behalten will. Diese Regulierungsform hat sich mittlerweile etabliert, sodass Personenschadenmanagement nach dem Jahr 2000 nun zum zweiten Mal Thema beim Deutschen Verkehrsgerichtstag in Goslar war. Der Unterzeichner stellt als Leiter einer Direktions-Kraftfahrt-Schadenabteilung eines öffentlich-rechtlichen Regionalversicherers das Personenschadenmanagement aus Sicht des Versicherers dar.
 
1. Paradigmenwechsel bei den KH- und AH-Versicherern
 
Schon 1998 haben Frau Tille und Herr Budel diese Form der Schadenregulierung als Paradigmenwechsel bezeichnet[1]. Dies war seinerzeit ein großes Wort, dem natürlich auch entsprechende Taten folgen mussten. Rückschauend betrachtet kann man tatsächlich festhalten, dass seit Etablierung des Personenschadenmanagement sich die Regulierungsphilosophie vieler Haftpflichtversicherer von Grund auf geändert hat und ein vollständiger Wechsel des Blickwinkels und der Herangehensweise vorliegt. Die rein juristische, kaufmännische und reaktive Regulierung, die die Versicherer bis dahin häufig haben walten lassen wird mehr und mehr verdrängt von einer proaktiven Regulierung, bei der der geschädigte Mensch im Mittelpunkt steht. Nun werden die Versicherer nicht rein von altruistischen Motiven getrieben, sondern versuchen natürlich auch den Schadenaufwand  zu beeinflussen. Dieser ist nach wie vor - oder immer mehr - eine wichtige Ausgabengröße bei den K-Versicherern. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Kfz-Versicherungsmarkt hart umkämpft ist und die Prämieneinnahmen in den letzten Jahren aufgrund des massiven Wettbewerbs trotz Inflation und Mehrwertsteuererhöhung tendenziell zurückgegangen sind, sodass heute immer teurere Schäden mit immer weniger eingenommenen Prämien reguliert werden müssen. Daher kommt der juristischen Bearbeitung mit Prüfung von Sachverhalt, Deckung, Haftung, Schadenhöhe und Regressmöglichkeiten nach wie vor eine erhebliche Bedeutung zu. Ergänzt wird diese jedoch durch die Möglichkeiten, die sich den Beteiligten durch das Personenschadenmanagement eröffnen und die im Ergebnis dazu führen, dass die Situation des Geschädigten nach dem Unfall verbessert wird, obwohl gleichzeitig die Aufwandssituation des Versicherers für diesen Schaden sich positiv verändert. In diesem Zusammenhang wird häufig der Begriff „win-win-Situation“ verwandt.[2]
 
Nun funktioniert das Personenschadenmanagement eines Haftpflichtversicherers alles andere als von selbst. Die Regulierer in den Schadenabteilungen der Versicherer, deren Tätigkeit über viele Jahre davon geprägt war, die Forderungen Dritter zu überprüfen, müssen sich deutlich umstellen, wenn sie Personenschadenmanagement betreiben wollen. Sie werden ihrer neuen Rolle nur dann gerecht, wenn sie sich medizinisch weiterbilden, wenn sie bereit sind auf den Geschädigten zuzugehen und sich die hierfür notwendigen sozialen Kompetenzen erarbeitet haben, und wenn die Arbeitsabläufe und Zuständigkeiten im Hause des Versicherers im Sinne des Personenschadenmanagements organisiert sind. Hierzu gehört zunächst, dass der Personenschadenregulierer möglichst frühzeitig Kenntnis von dem Schadenfall erhalten sollte. Zudem muss der Versicherer seinen Mitarbeitern entsprechende Entscheidungsvollmachten geben, damit kurzfristig, schnell und unbürokratisch, wie es das Personenschadenmanagement häufig erfordert, auf die individuellen Bedürfnisse des Geschädigten eingegangen werden kann und für Maßnahmen das o.K. gegeben wird, die manchmal von vornherein nicht abschließend zu überblicken sind. Nur dann kann diese Form der Bearbeitung erfolgreich sein. Wenn Entscheidungen erst mehrerer Unterschriften und Absegnungen von Vorgesetzten bedürfen, wird man der Situation nicht gerecht. Voraussetzung ist also ein großes Vertrauen des Arbeitgebers seinen Mitarbeiter gegenüber, denn die wirtschaftliche Größenordnung dieser Entscheidungen kann im Einzelfall durchaus im Bereich sechsstelliger Beträge liegen.
 
 
2. Mitte der 90er Jahre; das berufliche Reha-Management entsteht
 
Bereits Mitte der 90er Jahre gerieten die Haftpflichtversicherer immer mehr in die Zwickmühle zwischen Kostendruck und allgemeiner Arbeitsmarktsituation. Aus einer Vielzahl von Schadenfällen mussten sie lernen, dass angesichts der sich  zuspitzenden Arbeitsmarktsituation auch Geschädigte, die nur mittelschwer verletzt worden sind, immer schlechtere Chancen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt hatten und zunehmend in einer Konkurrenzsituation zu gesunden Arbeitssuchenden standen, die von potentiellen Arbeitgebern regelmäßig bevorzugt wurden. So sind in Deutschland viele Geschädigte mittleren Alters, die zum Beispiel nach einer Extremitätenverletzung ihre handwerkliche Tätigkeit nur noch mit Einschränkungen ausüben konnten, dauerhaft nicht mehr in Lohn und Brot gekommen. Dies hat für beide Seiten, für den Versicherer und den Geschädigten massiv negative Folgen. Der Versicherer muss den unfallbedingten Verdienstschaden im Zweifel bis zur Regelaltersgrenze incl. aller darauf entfallenden Steuern, Sozial- und Rentenversicherungsbeiträge ersetzen. Die Folgen für den Geschädigten waren jedoch viel größer, denn er wurde aus dem Erwerbsleben herausgerissen und musste den geplanten Lebensweg verlassen, was trotz bestehender Schadensersatzansprüche deshalb besonders schwer wiegt, weil sich bekanntermaßen viele Menschen nicht nur in Deutschland weitgehend über ihre Arbeit und ihren beruflichen Erfolg definieren. Dies gilt insbesondere dann, wenn es sich bei dem Geschädigten um den Ernährer oder die Ernährerin der Familie handelt. Es sei an dieser Stelle die Statistik der Arbeitslosenentwicklung in Deutschland erwähnt: 1962 hatte Deutschland Vollbeschäftigung und weniger als 100.000 Menschen waren arbeitslos. 1975 waren es schon 1 Mio. und ab 1992 stieg die Anzahl der Arbeitslosen alle zwei Jahre um 1 Mio. auf über 5 Mio. Menschen und mehr. Ob der derzeitige Konjunkturaufschwung zu einer nachhaltigen Trendwende am Arbeitsmarkt führt, bleibt abzuwarten.
 
In dieser Situation kamen die Versicherer zu der Erkenntnis, dass die sozialen Sicherungssysteme gerade mit der Betreuung unfallverletzter Personen überfordert sind, und dass man die Geschädigten selbst zu unterstützen versuchen musste. Auch die zeitlichen Abläufe spielten bei diesen Überlegungen eine Rolle.[3] Im Sozialversicherungssystem vergehen teilweise zwischen dem Antrag und der Einleitung der konkreten Maßnahme durchaus mehr als zwei Jahre[4]. Für diesen gesamten Zeitraum muss der Schädiger per se erst einmal den Erwerbsschaden bezahlen und das sind allein bei einem angenommenen Durchschnittsverdienst für zwei Jahre schnell 70.000,00 EUR und mehr, die der Schädiger so zu sagen in die Wartezeit investiert. Jeder Monat, den der Geschädigte eher zu einer beruflichen Wiedereingliederung kommt, spart also bares Geld, ganz davon zu schweigen, dass die zeitlichen Abläufe im sozialen Sicherungssystem für die betroffenen Menschen schlichtweg nicht akzeptabel sind. Der zeitliche Ablauf ist aber auch unter einem anderen Aspekt bedeutend: dem der Motivation des Geschädigten. Es besteht anerkanntermaßen ein direkter Zusammenhang zwischen der Zeitdauer bis zum Wiedereintritt in das Erwerbsleben und der Motivationslage des Geschädigten.
 
Im Übrigen ist festzuhalten, dass die in den letzten Jahren sehr intensiv diskutierte Kostensituation der Sozialversicherungsträger zu deutlichen Einschränkungen in deren Versicherungsleistungen geführt hat. Als Beispiel sei genannt die nur noch eingeschränkte Leistung der Bundesagentur für Arbeit, die in den letzten Jahren sehr viel weniger Fortbildungen für ihre Versicherten bewilligt hat als in der Vergangenheit. So werden teure Weiterbildungen wie z.B. die zum Werkstoffprüfer, obwohl sehr Erfolg versprechend, aus Kostengründen häufig gar nicht mehr bewilligt.
 
Auch kommt es vor, dass die soziale Absicherung der Versicherten darunter leidet, dass die Sozialversicherer nur begrenzt zuständig sind. So sind aus der Praxis Fälle bekannt, in denen die zuständige Krankenkasse vorschnell versucht hat, den Geschädigten aus dem Krankengeld auszusteuern und dem Rentenversicherungsträger „zuzuleiten“. Dieser handelt zwar nach dem Grundsatz „Reha vor Rente“, befindet jedoch zuweilen schnell, dass Reha-Maßnahmen nicht mehr förderlich sind und bewegt den Geschädigten dazu, einen Rentenantrag zu stellen. Auf diesem Wege kann jemand, der eigentlich noch erwerbstätig sein könnte und auch arbeiten will, zum Erwerbsminderungsrentner werden.
 
All diese Vorgänge haben die Schädigerversicherer beobachtet und daraus den Schluss gezogen, hier selbst tätig werden zu müssen. Aus diesen Überlegungen heraus entstand Mitte der 90er Jahre das berufliche Rehamanagement.
 
 
3. Pflege-Management
 
In der Folgezeit blieben die Versicherer jedoch nicht beim beruflichen Management stehen, sondern widmeten sich auch einer speziellen Gruppe von Schadenfällen, die durch höchste Kosten in der Schadenregulierung geprägt ist: den Fällen mit pflegebedürftigen Geschädigten. Diese Hochkostenfälle, die sogenannten XL-Schäden mit querschnittsgelähmten, schädelhirnverletzten oder polytraumatisierten Geschädigten, die der pflegerischen Betreuung bedürfen, sind glücklicherweise nicht sehr häufig, müssen aber ebenfalls professionell begleitet werden. Gerade die Schwerstverletzten bedürfen in dieser Lebenssituation der besonderen Hilfe. Es müsse viele Dinge des täglichen Lebens organisiert werden, mit denen der Verletzte und seine Angehörigen im Zweifel bis zum Unfallereignis noch nie umgegangen sind. Folgende mögliche Fragestellungen seien exemplarisch erwähnt: Wo soll der Geschädigte sinnvoller Weise gepflegt werden? Ist er in einem Pflegeheim oder der häuslichen Umgebung besser aufgehoben? Wie kann die Pflegesituation incl. des Einsatzes des Pflegepersonals organisiert werden? Stellt ggfls. die Pflege durch Angehörige eine dauerhafte Lösung dar? Wie können diese entlastet werden? Wie werden erforderliche externe Pflegekräfte organisiert? Welche Hilfsmittel von welchem Hersteller müssen auf welchem Weg angeschafft werden? Welcher sonstige Mehrbedarf besteht, z. B. durch den behindertengerechten Umbau des Hauses oder der Wohnung des Geschädigten bis hin zur Detailplanung und Baubetreuung durch einen Architekten. Ist für Mobilität zu sorgen durch die Anschaffung eines behindertengerechten Pkws?
 
Zu all diesen angesprochenen Problemkreisen müssen Lösungen geschaffen werden und der Schädigerversicherer tut gut daran, in Abstimmung mit dem Geschädigten, seinen Angehörigen und dem eingeschalteten Rechtsanwalt  einen Spezialisten, den Pflegeberater zu beauftragen. Allerdings gewinnt man bei Beschäftigung mit solchen Schadenfällen sehr schnell den Eindruck, dass solche Experten deutschlandweit rar gesät und entsprechend schwer zu finden sind. Trotzdem bleibt dem Versicherer nichts anderes übrig als einen Pflegeberater zu finden, der sich des Geschädigten annimmt, zumal die übliche Versorgung häufig nicht nur zu teuer, sondern auch suboptimal ist. Wenn durch die Boulevardblätter Presseberichte mit Überschriften wie „Offizieller Schockbericht: die Pflege-Schande!“[5] gehen, dann wird jedem deutlich was gemeint ist.
 
Gerade der Pflegesituation ist besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Das so genannte Arbeitgebermodell, bei dem der Geschädigte bzw. dessen betreuende Angehörige selbst als Arbeitgeber auftreten und unter Beratung und Betreuung des Pflegeberaters eigene Pflegekräfte anstellen, kann dabei eine Lösung sein. Die Situation, sich von einem Dritten pflegen lassen zu müssen berührt massiv den persönlichen Bereich. Dabei ist von enormer Wichtigkeit, dass die zu pflegende Person und die Pfleger ein persönliches und vertrauensvolles Verhältnis aufbauen. Die Einschaltung eines Pflegedienstes mit oftmals wechselndem Personal kann problematisch sein. Besser ist es, kontinuierlich im Rahmen des Arbeitgebermodells mit denselben Personen zusammenzuarbeiten.
 
Der Versicherer ist gut beraten sich um diese Schadenfälle besonders zu kümmern, denn nach Feststellungen von Rückversicherern machen alleine die Pflegekosten in den XL-Schadenfällen bis zu 2/3 des Gesamtaufwandes eines solchen Schadenfalles aus[6].
 
 
4. Medizinische Rehabilitation
 
Bis in die 90er Jahre hinein war Deutschland anerkannt führend, was die Qualität des Gesundheitssystems anging. Die Krankenhäuser und Ärzte waren relativ frei, die Aufenthaltsdauer und die Therapiemöglichkeiten nach der medizinischen Erforderlichkeit zu bestimmen, sodass auch für den gesetzlich krankenversicherten Geschädigten eine gute Versorgung gesichert war. Bestand gar für den zu entschädigenden Unfall gesetzlicher Unfallversicherungsschutz und die Berufsgenossenschaften übernahmen die Heilbehandlung mit allen geeigneten Mitteln, war die medizinische Versorgung sogar sehr gut.
 
Diese Situation änderte sich im Laufe der letzten Jahre durch die eingetretene Kostendiskussion, dem Bestreben die paritätisch zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern finanzierten Sozialversicherungsbeiträge niedrig zu halten und den damit verbundenen Gesundheitsreformen. Die niedergelassenen Ärzte wurden budgetiert, d. h. sie hatten nur begrenzte Möglichkeiten, für ihre Patienten weitere Therapien zu verordnen. Die Krankenhäuser werden nicht mehr nach Tagessätzen bezahlt, sondern nach Diagnosis Related Groups (DRG), d. h. nach der Eingangsdiagnose. Dies hat zu immer kürzeren Verweildauern in den Krankenhäusern geführt[7], was zwar nicht unmittelbar bedeutet, dass die Versorgung schlechter werden muss. Jedenfalls werden die Anforderungen an die nachstationäre Betreuung größer, je früher ein Geschädigter nach dem Unfall das Krankenhaus verlässt. Auch die Münchner Rück hat in der bereits zitierten Ausarbeitung festgestellt, dass DRG`s den Behandlungserfolg erheblich beeinflussen, da es zu einem Trend zu frühzeitigen Entlassungen kommt, häufig ohne dass vollständig austherapiert ist[8].
 
Es stellt sich tatsächlich die Frage, ob alle Kliniken die Geduld haben ein kompliziertes stationäres Verfahren zu betreiben, wenn eine andersartige ärztliche Versorgung zu eindeutig kürzeren Aufenthaltsphasen führt. Ein hierbei häufig genanntes Beispiel ist der schwerverletzte Daumen, den man relativ schnell amputieren kann. Man kann aber auch versuchen, ihn mit komplizierten Operationen und erheblichem Nachsorgebedarf zu retten.
 
Wenn also die Operationsmethode und die Nachsorge so wichtig ist, Dauerfolgen gering zu halten und wenn auf der Hand liegt, dass geringere Dauerfolgen die weitere Lebensgestaltung des Geschädigten weniger beeinträchtigen, so ist klar, dass die Schädigerversicherer sich auch des Themas der medizinischen Rehabilitation annehmen mussten.
 
Mittlerweile hat sich die medizinische Rehabilitation etabliert und die Versicherer, die die Optimierung der medizinischen Situation im Fokus haben, konnten sehr schnell feststellen, dass dies ein sehr erfolgreicher Bereich sein kann. Auch in Fällen beruflicher Rehabilitationsbestrebungen muss die weitere medizinische Abklärung oft vorgeschaltet werden, um erfolgreich beruflich wiedereingliedern zu können.
 
Der nachfolgende Beispielsfall verdeutlicht das Instrument. Dieser handelt von einem 14jährigen Jungen, der als Sozius auf dem Moped des Versicherungsnehmers bei einem fehlerhaften Abbiegevorgang durch Zusammenstoß mit einem Pkw neben anderen Verletzungen eine drittgradig offene Oberschenkelfraktur erlitten hat. Diese Verletzung war besonders kompliziert, weil durch den Unfall ein 8 cm langes Knochenteil aus dem Oberschenkel abgetrennt worden war und vom Notarzt ins Krankenhaus gebracht wurde.
 
In den ersten fünf Monaten nach dem Unfall wurde der Junge viermal im ortsansässigen Krankenhaus mit normalem medizinischen Erfolg operiert. Es war jedoch auch nach fünf Monaten noch keine knöcherne Durchbauung des verletzten Oberschenkels festzustellen, sodass der Geschädigte trotz eines angelegten Fixateur externe nur 10 kg belasten konnte und zudem eine starke Bewegungseinschränkung zu verzeichnen war. Nach dieser Zeit sah das erstbehandelnde Krankenhaus die operative Phase als abgeschlossen an und empfahl eine physiotherapeutische Behandlung. Der vom Haftpflichtversicherer im Frühstadium des Schadenfalles eingeschaltete Reha-Berater hatte den Geschädigten im erstbehandelnden Krankenhaus bereits begleitet und schlug nun vor, eine ergänzende Untersuchung in einer spezialisierten Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik vorzunehmen. Hierfür übernahm der Versicherer die Kosten. Die spezialisierte Klinik stellte bei der Untersuchung fest, dass in dem verletzten Bereich eine Pseudarthrose bei ausgeprägter Osteitis entstanden war und sich das zuvor erwähnte Knochenstück trotz der durchgeführten Operationen abgesondert hatte. Diese fatale Diagnose führte zu drei weiteren Operationen mit dem Schädigerversicherer als Kostenträger. Es wurde mehrfach eine Spongiosaplastik gewechselt und massives Antibiotikum in den Wundbereich gegeben, um die Knochenentzündung auszuheilen. Mittlerweile ist der Infekt tatsächlich ausgeheilt und der Knochenaufbau hat in deutlichem Maße begonnen. Der Junge wird bald wieder laufen können.
 
 
5. Zwischenfazit
 
Aus Vorstehendem wird deutlich, dass Personenschadenmanagement einen ganz wichtigen Beitrag zur Rehabilitation Unfallverletzter leisten kann. Bestätigt wird dies durch die McKinsey-Studie aus dem Jahr 2002 in der unter anderem festgestellt worden ist, dass Versicherer und Geschädigter gleichermaßen vom Personenschadenmanagement profitieren können[9].  Es gibt allerdings einige Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, die auf jeden Fall dazugehören. Grundvoraussetzung ist, dass der Schädigerversicherer, der Geschädigte, der ggf. eingeschaltete Reha-Dienst und der Anwalt fair miteinander umgehen und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit suchen. Der Versicherer muss helfen wollen. Er muss aber auch in der Lage sein zu helfen. Der Geschädigte muss motiviert sein beim Personenschadenmanagement mitzumachen und seine persönliche Situation so weit zu optimieren wie es geht.
 
Klar ist aber auch, dass trotz der im Grundsatz guten Idee im Einzelfall Konflikte auftreten können, zu deren lösungsorientierten Bewältigung man besondere Instrumente braucht.
 
In diesem Zusammenhang sei verwiesen auf die rechtlichen Grundlagen der Vertragsgestaltung beim Reha-Management, deren Einordnung sicherlich zunächst von der Auslegung der konkret getroffenen Vereinbarungen abhängt. Allerdings sind die Verträge zwischen den Versicherern und den Reha-Diensten normalerweise nicht einheitlich gestaltet und bestehen weitgehend in einem entsprechenden Auftragsschreiben. In der Literatur wird davon ausgegangen, dass wohl in der Regel ein Vertrag zugunsten Dritter, den der Versicherer und der Reha-Dienst zugunsten des Geschädigten schließen, vorliegen dürfte[10]. Ob der Geschädigte hieraus eigene vertragliche Erfüllungsansprüche herleiten kann, ist ebenfalls im Wege der Auslegung zu ermitteln[11]. Entstehen tatsächlich einmal in Zusammenhang mit dem Personenschadenmanagement Schäden kann der Geschädigte sie gegebenenfalls von dem zuständigen Haftpflichtversicherer im Rahmen eines vertraglichen Schadenersatzanspruchs ersetzt verlangen, wenn nicht der Versicherer ohnehin über seine Ausgleichspflicht für adäquat kausale Unfallschädigungen nach Deliktsrecht auch hierfür einzustehen hat.
 
Unabhängig von diesen konkreten rechtlichen Ausgestaltungen ist unabdingbar, dass weder für den Schädigerversicherer noch für den Geschädigten selbst eine Verpflichtung zur Initiierung oder Teilnahme am Personenschadenmanagement besteht. In dem Entscheidungsprozess des Geschädigten, ob er sich vom Haftpflichtversicherer oder einem Reha-Dienst unterstützen lassen will, muss der Rechtsanwalt beratend tätig sein und den Mandanten darüber informieren, welche rechtliche Position er im Zusammenhang mit Personenschadenmanagement innehat und welche rechtlichen und tatsächlichen Folgen sich aus der Teilnahme am Personenschadenmanagement ergeben können. Er muss darauf hinweisen, dass der Versicherer im Rahmen des Personenschadenmanagements an Informationen gelangen kann, die er sonst nicht bekommen würde, wie z. B. rehabilitationsrelevante Informationen über Vorerkrankungen oder die Motivationslage des Geschädigten. Unstreitig ist, dass - auch wenn der Grundsatz der Sparsamkeit der Informationsweitergabe in Anlehnung an das Bundesdatenschutzgesetz natürlich auch im Personenschadenmanagement gilt - die für das Reha-Management relevanten Informationen weitergegeben werden dürfen bzw. müssen. Der Reha-Dienst muss z. B. seinem Auftraggeber gegenüber deutlich machen, warum er eine Berufslaufbahn, dies sich eigentlich verletzungsbedingt anbietet, nicht favorisiert, wenn dies damit zusammenhängt, dass der Geschädigte Vorerkrankungen aufweist, die diesen Berufsweg gefährden. Wenn der Anwalt mit einem Mandanten umgeht, dessen Motivationslage zweifelhaft ist, so sollte er tunlichst dazu raten die Entscheidung zu treffen, am Personenschadenmanagement nicht teilzunehmen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass der Versicherer hierüber Informationen erhält, die für den Mandanten nachteilig sein könnten. Dies hätte der Anwalt von vornherein verhindern können. Zur freien Entscheidung gehört auch, dass der Geschädigte seine ablehnende Haltung nicht begründen muss.
Auch der Schädigerversicherer kann nicht zum Personenschadenmanagement gezwungen werden. Dies gilt insbesondere deshalb, weil § 3 PflVersG im Satz 2 die Entschädigung in Geld und nicht die Naturalrestitution vorsieht. Aber auch an den Schädiger selbst kann der Geschädigte sich nicht mit den Prozessantrag richten, eine bestimmte Art von Personenschadenmanagement durchzuführen, denn im Rahmen der Naturalrestitution hält der Schädiger in eigenen Händen, welchen Restitutionsweg er beschreiten will.
Zu achten ist auf Folgendes: Eine Überreglementierung im Bereich des Personenschadenmanagements führt zur Unflexibilität und ist daher zur Zielerreichung kontraproduktiv. Die Beteiligten sollten sich daher auf gewisse Rahmenregelungen und Leitplanken beschränken, die sinnvoll und notwendig sind. Der Grundsatz hierbei ist, dass Personenschadenmanagement nur im Einvernehmen Sinn macht. Beide Seiten ziehen sozusagen an einem Strang. Was dem Geschädigten gut tut hilft auch dem Versicherer, denn dieser hat alle unfallbedingten Schäden auszugleichen. Der geschilderte Fall, dass ein Geschädigter das (sinnvolle) Personenschadenmanagement unbedingt weiter betreiben will und der Versicherer das Vertragsverhältnis zum Reha-Dienst entgegen dem ausdrücklichen Willen des Geschädigten beendet, wird daher eher theoretischer Natur sein. Warum sollte er das tun? Die weitere Rehabilitation, so sie denn Erfolg versprechend ist, würde auch dem Versicherer helfen. Wenn die verschiedenen Beteiligten - und das kann durchaus vorkommen - zwar bezüglich des Ziels aber nicht bezüglich der zur Zielerreichung erforderlichen Maßnahmen einer Meinung sind, wird man ein Einvernehmen herstellen müssen, um nicht von vornherein den Rehabilitationserfolg zu gefährden.
 
An dieser Stelle kommen wir zu dem entscheidenden Faktor bei der Personenschadenregulierung, der Motivation des Geschädigten. Dass die zuvor beschriebenen unterschiedlichen Auffassungen zur Art und Weise der Rehabilitation demotivierend sein können, liegt auf der Hand. Der Geschädigte kann jedoch auch aus anderen Gründen demotiviert sein und der Haftpflichtversicherer tut gut daran zusammen mit dem Geschädigten und ggf. auch dem Reha-Berater die Motivationslage vor Beginn des Managements abzuklären. Eine Rehabilitation, bei der der Geschädigte nur wider Willen mitmacht, wird keine hohen Erfolgschancen haben. Angesichts der Vielzahl der Schadenfälle ist es dem Versicherer durchaus möglich, dies zu akzeptieren und andere Schadenfälle im Wege der proaktiven Bearbeitung managementmäßig zu betreuen.
 
Wichtig ist auch, die individuellen Bedürfnisse des Geschädigten zu berücksichtigen. Das Personenschadenmanagement findet nicht im Massenschadenbereich statt. Es ist im Vergleich zur Gesamtanzahl der bei einem K-Versicherer zu regulierenden Schadenfälle nur die so genannte Spitze des Eisberges, die nach den Grundsätzen des Personenschadenmanagements betreut werden muss. Hier ist es allen Beteiligten möglich, auf jedwede individuellen Bedürfnisse des Geschädigten einzugehen. Dies ist auch der große Vorteil des Personenschadenmanagements. Die Beteiligten sind in jeder Hinsicht frei, einvernehmlich Maßnahmen zu vereinbaren. Der Fantasie der Beteiligten ist an dieser Stelle keine Grenze gesetzt. Es gibt insbesondere keinen gesetzlichen Leistungsrahmen wie im Sozialversicherungssystem.
 
 
6. Regeln
 
Damit Personenschadenmanagement einvernehmlich durchgeführt werden kann, müssen gewisse Grundregeln eingehalten werden. Diese sind bereits im Nachgang zum Verkehrsgerichtstag 2000 von der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht des Deutschen Anwaltverein im sogenannten „Code of Conduct des Rehamanagements“[12] festgehalten worden. Wichtig ist, dass der eingeschaltete Reha-Dienst keine Schadenregulierung macht. Er hat einen begrenzten Auftrag und soll dem Geschädigten Unterstützung zukommen lassen in seiner speziellen Situation entweder im Sinn einer ganzheitlichen Betreuung im rehabilitativen Bereich oder zu speziellen Teilbereichen, sei es die berufliche, pflegerische, soziale oder medizinische Rehabilitation. Die Schadenregulierung bleibt dem Versicherer und dem eingeschalteten Anwalt überlassen. Aber auch der Versicherer, der im Rahmen der Anbahnung von Managementmaßnahmen Kontakt mit dem Geschädigten aufnimmt und z. B. ein ermittelndes Erstgespräch führt, sollte dies auf keinen Fall dazu nutzen, auch - an dem Anwalt vorbei - über die Schadenregulierung zu verhandeln. Vor dem Erstgespräch sollte der Versicherer mit dem Anwalt Kontakt aufnehmen und klären, ob mit dem Mandanten selbst  gesprochen werden darf, und dem Anwalt bei dieser Gelegenheit versichern, dass die Schadenregulierung bei dem Gespräch außen vor bleiben wird. Auf der anderen Seite läuft die Korrespondenz grundsätzlich über den Anwalt, damit beide Seiten gleichermaßen informiert sind. In diesem Zusammenhang sei der Hinweis an die Anwaltschaft erlaubt, dass die häufig gepflegte Übung der Anwälte, auf die Übersendung der Rehabilitationskorrespondenz zu verzichten, nicht förderlich ist. Der Anwalt sollte sich auch um diese Thematik kümmern, damit nicht unterschiedliche Wissensstände entstehen, die zu Misstrauen führen können.
 
Der Vertrauensvorschuss, den der Geschädigte im Rahmen des Personenschadenmanagements einräumt, darf vom Versicherer nicht ausgenutzt werden. Dazu gehört auch, dass alle Informationen streng vertraulich und unter Beachtung des Datenschutzrechts behandelt werden müssen.
 
Klar ist auch, dass für die Einschaltung des Dritten, also des Reha-Dienstes, die entsprechende Vollmacht des Geschädigten vorliegen muss. Der Versicherer ist nicht autorisiert, Schadeninformationen an Dritte weiterzugeben, ohne den Geschädigten vorher um Erlaubnis gefragt zu haben.
 
 
7. Die Situation des Versicherers
 
Der Haftpflichtversicherer hat nach deutschem Schadensersatzrecht eine umfassende Kostentragungspflicht. Soweit er Deckung zu gewähren hat und zusammen mit seinem Versicherungsnehmer und den mitversicherten Personen haftpflichtrechtlich eintrittspflichtig ist, hat er jedweden unfallbedingten Schadenersatzanspruch des Geschädigten zu ersetzen. Dies gilt auch für die Leistungen, die zunächst von Sozialversicherungsträgern übernommen werden. Diese nehmen aufgrund der Legalzession des § 116 Abs. 1 SGB X Regress beim Schädiger, sodass die Haftpflichtversicherer bezüglich der Kostentragung von der so genannten Schadenendlast sprechen.
 
Diese Situation der Versicherer führt allerdings zu einem wesentlichen Vorteil im Personenschadenmanagement. Der Versicherer betrachtet den Schadenvorgang ganzheitlich. Zuständigkeitsstreitigkeiten wie sie z. B. zwischen Sozialversicherungsträgern vorkommen können, entfallen gänzlich. Beim Versicherer laufen alle Aufwendungen zusammen und sind von diesem zu erstatten. Diese Situation schafft dem Versicherer einen erheblichen Vorteil gegenüber dem Sozialversicherungssystem, da gerade die Verzahnung der Reintegrationsschritte trotz des hier regelnd eingreifenden SGB IX immer noch ein großes Verbesserungspotential birgt.[13]   
 
Anders als die Sozialversicherungsträger ist der Haftpflichtversicherer an keinerlei gesetzlichen Leistungsrahmen gebunden. Er kann im Rahmen seiner Möglichkeiten jegliche Unterstützungsleistungen zusagen, die förderlich sind.
 
Häufig bauen sich Haftpflichtversicherer auch ein Netzwerk von Experten auf, die im medizinischen und beruflichen Bereich tätig sind. Dies hat sich in der Vergangenheit als sehr sinnvoll erwiesen, wenn es darum geht dem Geschädigten in seiner Situation zu helfen. Als Beispiel sei erwähnt die Möglichkeit der kurzfristigen Einholung einer zweiten ärztlichen Meinung durch einen Mediziner, der eventuell in gehobener Position im ortsnah zum Geschädigten gelegenen Krankenhaus arbeitet und den der Geschädigte mit Hilfe der Kontakte und auf Kosten des Haftpflichtversicherers konsultieren kann, auch um weitere medizinische Maßnahmen abzustimmen. Ein weiteres Beispiel für eine sinnvolle Nutzung des Netzwerks eines Versicherer ist die Durchführung physiotherapeutischer Maßnahmen mit Kostentragung durch den Versicherer. Angesichts der beschriebenen Budgetierung der Ärzte kommt diesem Instrument immer größere Bedeutung zu.
 
Mit Anwendung dieser Instrumente kann der Versicherer seine Rückstellungen für zukünftige Aufwendungen genauer planen. Er kann zudem seine Kostensituation verbessern,  aber auch in der Außenwirkung einen Imagegewinn erzielen, der nicht zu unterschätzen ist. Auf einmal sind die Versicherer nicht mehr in der Rolle desjenigen, der „sowieso nicht zahlt“, sondern sie kümmern sich um die Situation der Geschädigten und unterstützen diese im gemeinsamen wohlverstandenen Interesse. Dies wird dann besonders deutlich, wenn der so handelnde Versicherer nach schweren Unfällen z.B. in der örtlichen Presse positiv erwähnt wird, obwohl er doch eigentlich dem Lager des Unfallschädigers zuzuordnen ist. Mit diesem Image kann der Versicherer eine erhebliche Regulierungskompetenz deutlich machen, die er nutzen kann, um im Wettbewerb zu bestehen. Das Personenschadenmanagement hat also für den Versicherer auch eine erhebliche vertriebliche Komponente.
 
 
8. Zusammenfassung
 
Aus dem Vorstehenden wird deutlich, dass es zum Personenschadenmanagement durch den Versicherer im Haftpflichtschaden heutzutage keine vernünftige Alternative mehr gibt. Der Geschädigte allein wird sich im Dschungel der Rechtsvorschriften und der Zuständigkeiten nicht zurechtfinden. Die Sozialversicherungsträger sind unter einen erheblichen Kostendruck geraten und kümmern sich angesichts der gesamtwirtschaftlichen Situation um Unfallgeschädigte so wie um sehr viele andere Versicherte, was gerade dem Unfallgeschädigten in seiner Sondersituation nicht gerecht wird.
 
Die Versicherer sind hier aufgerufen in die Bresche zu springen und mit ihren erheblichen wirtschaftlichen und organisatorischen Möglichkeiten dazu beizutragen, den weiteren Lebensweg des Geschädigten trotz des erlittenen Unfallereignisses möglichst positiv zu gestalten.
 

 

[1] Tille, Budel, Berufliche Rehabilitation bei Schwerverletzten ZfS 1998, 321.
[2] Lauer, Case Management in der Rehabilitation von Unfallverletzten, DAR 2006, 712.
[3] Maier-Lenz/Rischar, Handlungsbedarf für die Rehabilitation Behinderter, VersR 2000, S. 32.
[4] Vgl. auch  Dr. Steffen, Erste Erfahrungen mit dem Personen-Schadenmanagement, ZfS 2001, 389, 390.
[5] Bild-Zeitung vom 31.8.2007.
[6] Münchner Rück, Schwere Personenschäden in Europa am Beispiel der K-Versicherung, München 2007, S. 20 am Ende.
[7] Von Eiff et al.; Rehabilitation und Diagnosis Related Groups, Die Rehabilitation 2007, S. 74, 80.
[8] Münchner Rück, aaO, S. 23.
[9] Health 2002, S. 42, Personenschäden: Kosten senken, Versorgungsqualität verbessern, S. 42, 44
[10] Dr. Hugemann, Personenschadenmanagement, S. 60; Dr. Steffen, Schadenmanagement bei Personenschäden, Vortrag beim VGT 2000, S. 83.
[11] Dr. Hugemann aaO, S. 61.
[12] Grundsätze zum Personenschadenmanagement, MittBl der Arge VerkR 4/2002, S. 86.
[13] McKinsey-Studie: Personenschäden: Kosten senken, Versorgungsqualität verbessern, Health 2002 Nummer 2, S. 42, 44.

Stand: 15. April 2009